Moritz
Sauer ist Journalist, Author, Dozent und Web-designer. Seine
Texte werden regelmäßig in deutschen Magazinen wie
c't Magazin,
De:Bug und
Intro
veröffentlicht. Zudem ist er der verantwortliche Herausgeber
des Online Magazins
Phlow.
Er war Dozent bei verschiedenen Konferenzen sowie an der
Universität
Karlsruhe. Moritz Sauer
war außerdem einer der Gründer des Netlabel
ID.EOLOGY.
Als Mitgründer von ID.EOLOGY bist Du einer der Pioniere im
Bereich Netlabel in Deutschland. Mittlerweile ist die Anzahl an
weblabels gestiegen und sogar große Bands wie Radiohead
veröffentlichen ihre Musik nun umsonst im Netz. Was
hältst Du von dieser Entwicklung? Entspricht sie
überhaupt noch dem was Ihr damals mit ID.EOLOGY im Sinn
hattet?
Vorweg: Nachdem ich ID.EOLOGY anderthalb Jahre betreut habe, habe ich
das Label verlassen, weil für mich keine weitere Entwicklung
mit dem Netlabel in Aussicht stand. Seit meinem Fortgang Ende 2004 hat
sich aber kaum etwas an der Struktur geändert - von
außen betrachtet.
Leider hat sich ID.EOLOGY nicht dahin entwickelt, wo ich es heute am
liebsten sehen würde. Auch wenn wir damals Musik als
kostenlose Downloads ins Netz gestellt haben, war mein Fokus darauf
ausgerichtet ein Einkommen für Label und Künstler zu
erzielen. Wie
Radiohead,
Nine Inch Nails,
Saul Williams
und ähnlich Gesinnte, sehe ich den Vorteil einer
Aufmerksamkeitsökonomie. Das Internet krempelt mit seiner
Technik die Verteilung von (digitalen) Gütern um.
Außerdem kopieren Jugendliche und Erwachsene illegal Musik.
Musik als kulturelles Gut zu verkaufen, wird immer schwieriger. Der
MP3-Verkauf kompensiert nicht die einbrechenden CD-Verkäufe
und wird das auch in Zukunft nicht.
Darum ist es logisch, dass man seine Musik kostenlos verteilt,
zumindest zu einem Anteil, um damit - wie Radiohead - Aufmerksamkeit zu
erzielen. Geld verdient man nicht mit unendlichen Gütern, wie
einem unendlich kopierbaren MP3, sondern mit endlichen Gütern.
Für Musiker bedeutet das Konzertauftritte, Sondereditionen,
Merchandise und spezielle Ereignisse für Fans und Industrie.
Damals hatte ich das nicht so genau im Auge, würde aber ein
profitorientiertes Netlabel in diese Richtung treiben, sprich endliche
Güter wie z.B. Konzerte und Merchandise zu produzieren und
diese mit kostenlosen Gütern (MP3s) anpreisen.
In Deinem ArtikelFreie Kultur, freie
Musik
in Deiner Intro Kolumne
schreibst Du das die Veränderung im Bereich Musikkultur und
-distribution verursacht durch das Internet nach einer Neuordnung ruft.
Wie sollte so eine neue Ordnung Deiner Meinung nach aussehen und
inwiefern wäre sie zukunftsweisend für die
Musikbranche?
Das Internet basiert auf einer Technologie, die den Austausch von Daten
ermöglicht. Daten wie Texte, Videos, Software und eben auch
Musikdateien verteilt man mit Hilfe des Internets leicht, in Echtzeit
und in der Regel unendlich, also "so gut wie kostenlos".
Schließlich entwickelten Forscher und Wissenschaftler das
Internet genau für diesen Zweck: Sie wollten Informationen
austauschen. Deswegen ist der Tauschvorgang einer - wenn nicht der -
grundlegende Wesenszug des Internets.
Und weil das noch lange nicht alle verstanden haben, versuchen die
derzeit herrschenden Strukturen sich im Internet zu wiederholen. Nur
das geht nicht bzw. wird sich maßgeblich verändern.
Aus diesem Grund wird die Musikindustrie erst einmal weiter schrumpfen.
Erste Reaktionen sind neue Geschäftsmodelle, wie z.B. die 360
Grad-Verträge. Die Musikbranche muss sich zunehmend auf die
Kernkompetenz zurückbesinnen: Unterhaltung. Ich glaube, dass
das Internet zunehmend zum Schaufenster für die oben
angeführten endlichen Güter wird. Das Internet bietet
zwar Kommunikation mit den Musikern, erlaubt aber nicht den reellen
Kontakt zur Band, zu anderen Fans und zum Erlebnis selbst. Ich vermute,
dass Musik zunehmend als Datei kostenlos vertrieben wird und sowohl
Musiker als auch Musikbranche sollten sich Gedanken über
Auftritte, Merchandise und Live-Events im generellen machen. Da winkt
der "Profit". Musikverkauf stirbt zunehmend.